Zwischen Anspruch und Alltag: Inklusion an deutschen Schulen aus Sicht der Lehrkräfte

Zwischen Anspruch und Alltag Inklusion an deutschen Schulen aus Sicht der Lehrkräfte

Mehr als 15 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zeigen repräsentative Umfragen ein ernüchterndes Bild: Lehrkräfte bejahen das Prinzip der Inklusion, aber die strukturellen Voraussetzungen fehlen weitgehend.

Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 voelkerrechtlich verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen. Doch über anderthalb Jahrzehnte später klafft zwischen diesem Versprechen und der Schulwirklichkeit eine tiefe Luecke. Besonders deutlich wird dies in der Perspektive jener Menschen, die Inklusion täglich umsetzen sollen: den Lehrkräften.

Die bislang umfangreichste Bestandsaufnahme liefert die repräsentative forsa-Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) aus dem Jahr 2025, bei der bundesweit 2.737 Lehrkräfte befragt wurden. Sie ist bereits die vierte ihrer Art – nach Erhebungen in 2015, 2017 und 2020 – und erlaubt damit einen Blick auf die Entwicklung über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das Fazit des stellvertretenden VBE-Bundesvorsitzenden Tomi Neckov fällt knapp und schonungslos aus: Die Inklusion in der Schule ist in den letzten fünf Jahren kaum vorangekommen.

Das Paradox der Zustimmung

Ein zentrales Ergebnis der Umfragen ist, dass Lehrkräfte das Ziel der Inklusion grundsätzlich befuerworten. Laut VBE-Daten finden knapp 60 Prozent der Lehrkräfte eine gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung sinnvoll. Als zentrale Vorteile benennen sie den Abbau von Vorurteilen, soziales Lernen und die Foerderung sozialer Kompetenzen. Diese positive Grundhaltung ist eine wichtige Ausgangsbasis.

Doch dieselben Lehrkräfte, die das Prinzip befuerworten, sehen sich in ihrer taeglichen Praxis mit Bedingungen konfrontiert, die eine gelingende Inklusion kaum ermöglichen. Lediglich 24 Prozent halten Inklusion unter den aktuellen Rahmenbedingungen fuer praktikabel. Hier liegt das eigentliche Dilemma: nicht der fehlende Wille, sondern fehlende Strukturen.

  • ~60 % der Lehrkräfte halten gemeinsames Lernen grundsätzlich für sinnvoll
  • 24 % halten Inklusion unter aktuellen Rahmenbedingungen für praktikabel
  • 55,9 % der Foerderschüler besuchten 2023/24 noch eine Foerderschule
  • 95 % fordern Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Foerderschullehrkraft

Was Lehrkräfte täglich erleben

Wer Lehrkräfte nach den konkreten Hindernissen fragt, hoert immer wieder dieselben Stichworte: zu grosse Klassen, Personalmangel, fehlende Fortbildung und unzureichende Unterstuetzung durch Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen.

Ausbildung und fachliche Vorbereitung

Ein besonders kritischer Punkt ist die Qualifikation: Die Haelfte der Lehrkräfte, die inklusive Klassen unterrichten, verfuegt ueber keine sonderpädagogischen Kenntnisse. Im bundesweiten Durchschnitt geben nur 30 Prozent der Lehrkräfte an, dass Inklusion Teil ihrer Ausbildung war. In Berlin liegt dieser Wert bei 50 Prozent, was auf die unterschiedliche Umsetzung in den Bundeslaendern verweist. Allgemeinbildende Lehrkräfte werden – trotz gegenteiliger Forderungen – noch immer nicht verpflichtend inklusionspädagogisch aus- und fortgebildet.

„Die Lehrkräfte sehen die Chancen von Inklusion, aber erleben täglich mangelnde Ausstattung und fehlende Unterstuetzung. Hier zeigt sich ein strukturelles Versagen.“

Tomi Neckov, stellvertretender VBE-Bundesvorsitzender, 2025

Personelle Unterversorgung

Nahezu alle befragten Lehrkräfte – 95 Prozent – sprechen sich dafuer aus, dass eine Doppelbesetzung aus einer Regellehrkraft und einer Foerderschullehrkraft erforderlich ist, damit Inklusion gelingen kann. In der Praxis ist dies die Ausnahme. Lediglich 34 Prozent der Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz geben an, dass es an ihrer Schule ueberhaupt ein multiprofessionelles Team gibt. Fehlendes Personal nennen 40 Prozent der Lehrkräfte explizit als Gegenargument zur gemeinsamen Beschulung aller Kinder.

Klassengroessen und individuelle Foerderung

Grosse Klassen sind in Deutschland die Norm. Unter diesen Bedingungen ist individuelle Foerderung – die Grundvoraussetzung jeden inklusiven Unterrichts – kaum realisierbar. Zum Vergleich: In Finnland liegen die Klassengroessen bei 16 bis 20 Schuelaern, waehrend deutsche Lehrkräfte häufig mit 28 bis 30 Kindern arbeiten, darunter mehrere mit unterschiedlichen Foerderbedarfen.

Die Datenlage: Ein ernüchterndes Bild

Die Zahlen der Bundesstatistik bestaetigen, was Lehrkräfte im Alltag erleben. Im Schuljahr 2023/24 besuchten von den rund 608.000 Schülerinnen und Schülern mit zugeschriebenem sonderpädagogischem Foerderbedarf immer noch 55,9 Prozent – also mehr als die Haelfte – eine Foerderschule. Die bundesweite Exklusionsquote stagniert, in manchen Bundeslaendern ist sie sogar wieder gestiegen. Die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Foerderbedarf ist seit 2009 von rund sechs Prozent auf 7,6 Prozent im Schuljahr 2022/23 angestiegen – ohne dass das Foerderschulsystem nennenswert abgebaut wurde.

Auch der UN-Fachausschuss zieht ein negatives Fazit: Bei der Staatenprüfung Deutschlands im Jahr 2023 hielt er fest, dass eine Transformation hin zu einem inklusiven Schulsystem nicht stattfindet. Besonders kritisiert wurde das nach wie vor parallel bestehende, ausdifferenzierte Sonderschulsystem, das aus Sicht der Konvention mit einem inklusiven Bildungssystem nicht vereinbar ist.

Bezeichnend ist auch ein Befund aus dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung: Knapp 80 Prozent der Lehrkräfte bestätigen, dass es an ihrer Schule Kinder mit sonderpädagogischem Foerderbedarf gibt – und zugleich schätzt sich eine Mehrheit in Bezug auf die inklusive Beschulung als „wenig“ bis „gar nicht erfahren“ ein. Nur 17 Prozent sehen sich als „sehr erfahren“.

Haltung zum Förderschulsystem

Ein weiterer aufschlussreicher Befund betrifft die Einstellung zum bestehenden Foerderschulsystem. Trotz des formalen Bekenntnisses zur Inklusion sprechen sich in manchen Landesumfragen bis zu 98 Prozent der befragten Lehrkräfte dafuer aus, Foerder- und Sonderschulen zu erhalten. Und 73 Prozent der Lehrkräfte sind der Meinung, dass Kinder mit sonderpädagogischem Foerderbedarf besser in Sonderschulen gefoerdert werden koennen.

Diese Haltung laesst sich auf zweierlei Weise lesen: einerseits als Anerkennung der dort vorhandenen Fachkompetenz und Ausstattung, andererseits als Beleg dafuer, dass das Vertrauen in die Wirksamkeit inklusiver Beschulung an Regelschulen stark geschwunden ist. Die Bedingungen, unter denen Inklusion an Regelschulen stattfindet, haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, das Bild des inklusiven Unterrichts zu praegen – und es ist kein positives.

Was Fachleute fordern

Bildungsexperten und Lehrerverbände sind sich in ihren Forderungen einig, auch wenn die politische Umsetzung bislang ausbleibt.

Erstens wird eine grundlegende Reform der Lehrerausbildung verlangt: Inklusive Pädagogik muss verpflichtender Bestandteil aller Lehramtsstudiengaenge werden, nicht optionales Zusatzangebot. Zweitens bedarf es einer deutlichen Aufstockung des Sonderpädagogik-Personals an Regelschulen sowie des Ausbaus multiprofessioneller Teams. Drittens muss die Klassengrösse reduziert werden – ein Reformvorhaben, das seit Jahrzehnten gefordert, aber politisch nie konsequent verfolgt wurde.

Aus bildungsökonomischer Perspektive weist die Bundeszentrale für politische Bildung darauf hin, dass eine konsequent umgesetzte Inklusion sogar kostengünstiger sein koennte als das aktuelle Doppelsystem: Die vorhandenen Ressourcen aus Foerderschulen, multiprofessionellen Teams und Inklusionshelferinnen und -helfern könnten gezielt in die allgemeine Schule umgelenkt werden. Die Herausforderung liege nicht in den Kosten, sondern in der politischen Steuerung und der Umverteilung von Ressourcen.

Unterschiede zwischen den Bundesländern

Das deutsche Bildungsfoederalismus-Prinzip fuehrt zu erheblichen regionalen Unterschieden. Berlin, das Inklusion konsequenter verfolgt als viele andere Laender, zeigt, was moeglich ist: Dort erleben 91 Prozent der Lehrkräfte Inklusion an ihrer Schule, verglichen mit 82 Prozent im Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig ist dort die Haelfte der Lehrkräfte in der Ausbildung mit inklusiver Beschulung in Kontakt gekommen – gegenueber nur 30 Prozent bundesweit.

Rheinland-Pfalz hat mit der im August 2024 in Kraft getretenen Schulordnung für den inklusiven Unterricht an oeffentlichen Schulen (InSchO) einen formalen Rahmen geschaffen. Kritiker wie der VBE-Landesvorsitzende Lars Lamowski bemängeln jedoch, dass mit der neuen Verordnung Gutachten in Klasse 1 und 5 entfallen und damit die Bemessungsgrundlage für den Personaleinsatz fehlt. Nordrhein-Westfalen wiederum ist dabei, die Inklusion in der Sekundarstufe I systematisch neu auszurichten.

Ausblick: Wandel braucht mehr als guten Willen

Die Botschaft der Lehrkräfte ist unmissverstaendlich: Sie wollen Inklusion, aber nicht auf dem Ruecken der Schuelerinnen und Schüler – weder derer mit noch ohne Foerderbedarf. Inklusion als Haltung ist vorhanden. Was fehlt, sind die Strukturen, die diese Haltung zum Leben erwecken.

Die Debatte, die in Deutschland seit über 15 Jahren schwelt, hat 2026 an Schärfe gewonnen. Angesichts wachsender politischer Aufmerksamkeit fuer Bildungsfragen – befeuert durch schlechte PISA-Ergebnisse, Lehrkräftemangel und gesellschaftliche Debatten ueber Chancengerechtigkeit – koennte das Thema Inklusion erstmals die Drigenlichkeit erlangen, die es verdient. Ob daraus echte Veranderung folgt, haengt davon ab, ob die Politik bereit ist, Ressourcen dorthin zu verschieben, wo Kinder tatsächlich lernen: in die Regelschule des 21. Jahrhunderts.

Quellen und weiterfuehrende Links

  1. Verband Bildung und Erziehung (VBE) – Inklusion 2025 (forsa-Umfrage)
    vbe.de – Inklusion 2025
  2. VBE Berlin – Barrieren in der Schule: Inklusion in Deutschland stockt
    vbe.berlin – Forsa-Umfrage Ergebnisse
  3. VBE Rheinland-Pfalz – Repräsentative forsa-Umfrage zur Inklusion 2025
    vbe-rp.de – Umfrageergebnisse
  4. Bundeszentrale fuer politische Bildung – Inklusive Schulbildung in Deutschland. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
    bpb.de – Analyse APuZ
  5. Deutsches Schulportal – Inklusionspraxis in Deutschland: Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers
    deutsches-schulportal.de – Schulbarometer
  6. Deutsches Schulportal – Inklusion in der Schule: Wie die Umsetzung gelingt
    deutsches-schulportal.de – Überblick
  7. Kultusministerkonferenz (KMK) – Inklusion: Empfehlungen und Grundlagen
    kmk.org – Inklusion
  8. News4teachers – „Inklusion ist kein Sozialprojekt fuer wenige, sondern Qualitätsmerkmal eines leistungsfaehigen Bildungssystems“
    news4teachers.de – Gastbeitrag 2026
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