
Ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander ist die Grundlage einer inklusiven Gesellschaft. Dennoch sind viele Menschen unsicher, wie sie im Alltag mit Menschen mit Behinderung umgehen sollen. Die Sorge, etwas Falsches zu sagen oder unbeabsichtigt zu verletzen, führt manchmal sogar dazu, dass Kontakte vermieden werden.
Dabei gilt: Menschen mit Behinderung wünschen sich in erster Linie das, was sich jeder Mensch wünscht – Respekt, Gleichberechtigung und einen offenen Umgang auf Augenhöhe.
In diesem Ratgeber erfährst du, wie ein einfühlsames Miteinander gelingt und welche einfachen Verhaltensweisen den Alltag für alle angenehmer machen.
Warum Inklusion uns alle betrifft
Inklusion bedeutet, dass alle Menschen unabhängig von körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Barrieren sollen nicht nur baulich oder digital abgebaut werden, sondern auch in den Köpfen. In Deutschland bilden unter anderem das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), das Sozialgesetzbuch IX und die UN-Behindertenrechtskonvention den rechtlichen Rahmen für Teilhabe und Chancengleichheit. (BMAS)
1. Den Menschen zuerst sehen
Eine Behinderung ist nur ein Teil eines Menschen – sie definiert nicht seine Persönlichkeit.
Statt jemanden auf seine Einschränkung zu reduzieren, begegne ihm mit derselben Offenheit wie jeder anderen Person. Interessen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Charakter sind wesentlich aussagekräftiger als eine Behinderung.
2. Hilfe anbieten – aber nicht aufdrängen
Viele Menschen möchten helfen, handeln dabei jedoch vorschnell.
Besser ist es, zunächst freundlich zu fragen:
- „Kann ich Ihnen helfen?“
- „Benötigen Sie Unterstützung?“
Wird die Hilfe abgelehnt, sollte diese Entscheidung respektiert werden. Selbstbestimmung ist ein wichtiger Bestandteil von Inklusion.
3. Direkt mit der Person sprechen
Ist eine Begleitperson oder Assistenz dabei, richte dein Gespräch trotzdem an die betroffene Person.
Beispielsweise solltest du nicht fragen:
„Kann sie selbst bestellen?“
Sondern direkt:
„Was möchten Sie bestellen?“
Das zeigt Respekt und vermeidet unnötige Ausgrenzung.
4. Keine Berührungen ohne Zustimmung
Rollstühle, Blindenstöcke oder Assistenzhunde sind wichtige persönliche Hilfsmittel.
Deshalb gilt:
- Rollstühle nicht ungefragt schieben.
- Blindenstöcke nicht anfassen.
- Assistenzhunde nicht streicheln oder ablenken, solange sie arbeiten.
- Persönliche Hilfsmittel stets respektieren.
Frage immer zuerst, bevor du eingreifst.
5. Geduldig kommunizieren
Nicht jede Behinderung wirkt sich auf die Kommunikation gleich aus.
Hilfreich sind unter anderem:
- aufmerksam zuhören
- deutlich und natürlich sprechen
- ausreichend Zeit geben
- bei Bedarf Informationen wiederholen
- einfache und verständliche Formulierungen wählen
Geduld trägt oft mehr zu einem gelungenen Gespräch bei als perfekte Wortwahl.
6. Vorurteile hinterfragen
Menschen mit Behinderung werden häufig unterschätzt oder mit Klischees konfrontiert.
Beispiele dafür sind Annahmen wie:
- Menschen im Rollstuhl seien automatisch unselbstständig.
- Gehörlose Menschen könnten keine Gespräche führen.
- Menschen mit Lernschwierigkeiten verstünden keine komplexen Inhalte.
Solche Verallgemeinerungen werden den individuellen Fähigkeiten nicht gerecht. Jede Person bringt eigene Stärken, Erfahrungen und Kompetenzen mit.
7. Barrieren gemeinsam abbauen
Nicht jede Barriere ist sichtbar. Neben Treppen oder fehlenden Aufzügen können auch komplizierte Sprache, unzugängliche Webseiten oder Vorurteile die Teilhabe erschweren.
Jeder kann dazu beitragen, Barrieren zu reduzieren – etwa durch:
- verständliche Kommunikation
- barrierefreie Dokumente
- Rücksicht im öffentlichen Raum
- inklusive Veranstaltungen
- Offenheit für unterschiedliche Bedürfnisse
Schon kleine Gesten können den Alltag für viele Menschen erleichtern. (BMAS)
Was sollte man besser vermeiden?
Ein respektvoller Umgang bedeutet auch, bestimmte Verhaltensweisen zu vermeiden.
Dazu gehören:
- ungefragte Hilfe
- neugierige oder sehr persönliche Fragen zur Behinderung
- Mitleid statt Respekt
- herablassende Sprache
- das Sprechen über die Person statt mit ihr
- Annahmen über Fähigkeiten oder Grenzen
Ein höflicher und natürlicher Umgang ist meist der beste Weg.
Die richtige Sprache
Sprache entwickelt sich stetig weiter. Viele Menschen bevorzugen Formulierungen wie:
- „Mensch mit Behinderung“
- „Person im Rollstuhl“
- „gehörlose Person“
- „blinde Person“
Wichtiger als einzelne Begriffe ist jedoch ein respektvoller Gesamteindruck. Im Zweifel kannst du nachfragen, welche Bezeichnung die betreffende Person bevorzugt.
Inklusion beginnt im Alltag
Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Einkaufen oder im Freundeskreis – Inklusion entsteht durch alltägliche Begegnungen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Türen offen halten, wenn Hilfe gewünscht ist
- Wege nicht mit Fahrrädern oder Gegenständen blockieren
- Rücksicht auf Leitsysteme für blinde Menschen nehmen
- Untertitel oder barrierefreie Materialien bereitstellen
- alle Menschen selbstverständlich einbeziehen
Je selbstverständlicher Barrierefreiheit wird, desto einfacher gelingt gesellschaftliche Teilhabe.
Fazit
Ein einfühlsamer Umgang mit Menschen mit Behinderung beginnt nicht mit besonderen Regeln, sondern mit Respekt, Offenheit und Aufmerksamkeit. Wer Hilfe anbietet, ohne sie aufzudrängen, direkt mit seinem Gegenüber spricht und Vorurteile hinterfragt, leistet einen wichtigen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft.
Inklusion ist keine Aufgabe einzelner Menschen oder Institutionen. Sie gelingt dort, wo alle bereit sind, Barrieren abzubauen – im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule und im täglichen Miteinander.
Quellen
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) – Teilhabe und Inklusion: https://www.bmas.de/DE/Soziales/Teilhabe-und-Inklusion/teilhabe-und-inklusion.html (BMAS)
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales – Was ist Teilhabe von Menschen mit Behinderungen?: https://www.bmas.de/DE/Soziales/Teilhabe-und-Inklusion/Rehabilitation-und-Teilhabe/Was-ist-Teilhabe-von-Menschen-mit-Behinderungen/was-ist-teilhabe-von-menschen-mit-behinderungen-art.html (BMAS)
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales – Deutschland wird barrierefrei: https://www.bmas.de/DE/Soziales/Teilhabe-und-Inklusion/Bundesinitiative-Barrierefreiheit/deutschland-wird-barrierefrei.html (BMAS)
- Aktion Mensch – Inklusion: https://www.aktion-mensch.de/inklusion
- UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK): https://www.behindertenrechtskonvention.info