
Rund um Gebärdensprache und Gehörlosigkeit kursieren viele Missverständnisse. Manche stammen aus Filmen, andere aus Halbwissen oder längst überholten Vorstellungen. Diese Mythen können dazu führen, dass gehörlose Menschen falsch eingeschätzt oder Kommunikationsbarrieren unnötig verstärkt werden.
In diesem Faktencheck räumen wir mit sieben besonders verbreiteten Irrtümern auf und zeigen, was wirklich stimmt.
Mythos 1: Gebärdensprache ist überall auf der Welt gleich
Faktencheck: Falsch.
Viele glauben, es gebe eine universelle Gebärdensprache. Tatsächlich existieren weltweit Hunderte verschiedene Gebärdensprachen – ähnlich wie es viele Lautsprachen gibt. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) oder die Französische Gebärdensprache unterscheiden sich deutlich voneinander.
Zwar gibt es mit dem sogenannten „International Sign“ eine internationale Verständigungshilfe für bestimmte Anlässe, etwa internationale Konferenzen oder Sportveranstaltungen. Diese ersetzt jedoch keine nationale Gebärdensprache. Auch innerhalb Deutschlands existieren regionale Unterschiede und Dialekte. (SignDict)
Mythos 2: Gebärdensprache ist einfach gesprochenes Deutsch mit den Händen
Faktencheck: Ebenfalls falsch.
Die Deutsche Gebärdensprache besitzt eine eigene Grammatik, Satzstruktur und Ausdrucksweise. Sie ist keine Übersetzung der deutschen Lautsprache, sondern eine eigenständige Sprache.
Neben den Handbewegungen spielen Mimik, Blickrichtung, Kopfhaltung und Körperbewegungen eine wichtige grammatische Rolle. Ohne diese Bestandteile wäre die Kommunikation oft unvollständig. (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)
Mythos 3: Alle gehörlosen Menschen können Lippen lesen
Faktencheck: Nein.
Lippenlesen ist deutlich schwieriger, als viele vermuten. Zahlreiche Laute sehen auf den Lippen identisch aus, während andere überhaupt nicht sichtbar sind. Selbst geübte Lippenleser können meist nur einen Teil des Gesagten erkennen und sind zusätzlich auf Mimik, Gestik sowie den Kontext angewiesen.
Deshalb ist Lippenlesen kein vollständiger Ersatz für Gebärdensprache oder schriftliche Kommunikation.
Mythos 4: Gehörlose Menschen können nicht sprechen
Faktencheck: Das stimmt so nicht.
Manche gehörlose Menschen sprechen mit ihrer Stimme, andere bevorzugen ausschließlich die Gebärdensprache. Wieder andere kombinieren verschiedene Kommunikationsformen.
Ob jemand spricht, hängt unter anderem von der Hörbiografie, dem Zeitpunkt des Hörverlustes, der Schulbildung, technischen Hilfsmitteln und den persönlichen Vorlieben ab. Es gibt daher keine allgemeingültige Antwort.
Mythos 5: Gebärdensprache besteht nur aus Handzeichen
Faktencheck: Falsch.
Wer zum ersten Mal DGS sieht, achtet meist nur auf die Hände. Tatsächlich machen Gesichtsausdruck, Augenbewegungen und Körperhaltung einen wesentlichen Teil der Sprache aus.
Fragen, Verneinungen oder Emotionen werden häufig über die Mimik ausgedrückt. Deshalb sprechen Fachleute von einer visuell-manuellen Sprache. (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)
Mythos 6: Cochlea-Implantate machen Gebärdensprache überflüssig
Faktencheck: So einfach ist es nicht.
Ein Cochlea-Implantat kann vielen Menschen mit starkem Hörverlust helfen, Schall besser wahrzunehmen. Es stellt jedoch kein „normales Hören“ wieder her und funktioniert nicht bei jeder Person gleich gut.
Viele Menschen mit Cochlea-Implantat nutzen zusätzlich die Gebärdensprache oder wachsen sogar bilingual mit Laut- und Gebärdensprache auf. Beide Kommunikationsformen können sich sinnvoll ergänzen.
Mythos 7: Gebärdensprache brauchen nur gehörlose Menschen
Faktencheck: Ebenfalls falsch.
Gebärdensprache wird unter anderem genutzt von:
- gehörlosen Menschen
- stark schwerhörigen Menschen
- Kindern gehörloser Eltern (CODAs)
- Menschen mit bestimmten Sprach- oder Kommunikationsbeeinträchtigungen
- Gebärdensprachdolmetschern
- Lehrkräften
- medizinischem Personal
- hörenden Menschen, die DGS lernen möchten
Immer mehr Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen setzen zudem auf barrierefreie Kommunikation und beschäftigen sich mit Gebärdensprache. (Deutsche Gesellschaft der Hörbehinderten)
Warum solche Mythen problematisch sind
Missverständnisse über Gehörlosigkeit führen häufig dazu, dass Betroffene unterschätzt oder unbewusst ausgeschlossen werden. Dabei ist Gehörlosigkeit nicht gleichbedeutend mit mangelnder Intelligenz oder eingeschränkten Fähigkeiten.
Viele gehörlose Menschen verstehen sich als Teil einer eigenen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Die Deutsche Gebärdensprache bildet dabei einen wichtigen Bestandteil ihrer Identität und wurde 2002 in Deutschland gesetzlich anerkannt. Seit 2021 gehört sie zudem zum Immateriellen Kulturerbe Deutschlands. (Deutsche UNESCO-Kommission)
Wie gelingt eine respektvolle Kommunikation?
Wer mit gehörlosen Menschen kommuniziert, sollte einige einfache Grundregeln beachten:
- Blickkontakt halten.
- Deutlich, aber natürlich sprechen.
- Nicht übertrieben langsam reden.
- Gute Beleuchtung nutzen.
- Geduldig bleiben.
- Bei Bedarf schriftlich kommunizieren.
- Fragen, welche Kommunikationsform bevorzugt wird.
Noch besser ist es natürlich, selbst einige Gebärden zu lernen. Schon wenige Grundlagen erleichtern die Verständigung erheblich.
Fazit
Viele Mythen über Gebärdensprache und Gehörlosigkeit halten sich hartnäckig – entsprechen jedoch nicht den Tatsachen. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und einer lebendigen Kultur. Wer sich mit den Fakten beschäftigt und offen auf gehörlose Menschen zugeht, trägt aktiv zu mehr Inklusion und gegenseitigem Verständnis bei.
Quellen
- Deutsche UNESCO-Kommission – Deutsche Gebärdensprache (DGS): https://www.unesco.de/staette/deutsche-gebaerdensprache-dgs
- Deutscher Gehörlosen-Bund – Deutsche Gebärdensprache: https://gehoerlosenbund.de/service/ratgeber-gehoerlosigkeit/deutsche-gebaerdensprache/
- Deutsche Gesellschaft der Hörbehinderten – Unterrichtsfach DGS: https://www.deutsche-gesellschaft.de/fachausschuesse/bildung/fa-bildung-unterrichtsfach-dgs/
- SignDict – Mythen über die Gebärdensprache: https://docs.signdict.org/dgs/2_mythen/
- Campus Berlin – Mythen über Gebärdensprache: https://www.campus-berlin.de/blog/mythen-ueber-gebaerdensprache/